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Freitag, 8. Juli 2016

Interview in der Jüdischen Rundschau (Alexander zu Schaumburg-Lippe)

Alexander zu Schaumburg-Lippe in der Jüdischen Rundschau

Ich begrüsse dieses Interview, das inhaltlich anspruchsvoll ist und es verdient, kommentiert zu werden.

Herausgeber der in Berlin im Jahr 2014 gegründeten Jüdischen Rundschau ist Dr. Rafael Korenzecher (googeln lohnt sich; ich werde den dumpfen Eindruck nicht los, dass es sich nicht um eine Zeitung, sondern um ein blog handelt). 

wirtschaftlicher background

Mich wundert auch sehr, dass kein Redakteur unterschrieb. 

Und mich wundert sehr, dass Alexander, dem sämtliche Zeitungen und Zeitschriften zur Verfügung stehen, um statements abzugeben, auf dieses Format zurückgreift.

Wie dem auch sei, kursiert dieses Interview im internet. 

Folgende Aussagen aus diesem Interview erscheinen mir von Interesse:

1.

Frage: "Sie sind der Chef des Hauses Schaumburg-Lippe. Was bedeutet es für Sie, dem deutschen Hochadel anzugehören?
Antwort: Als Chef meines Hauses habe ich die Aufgabe, meine Familie zu repräsentieren und Schaden von ihr abzuwenden. Was die Aristokratie angeht, ist es ja so, dass wir inzwischen keine politische Funktion und keinen besonderen rechtlichen Status mehr haben. Das ist politisch in Ordnung, macht aber die Traditionspflege ziemlich schwierig, weil die Traditionen vom Recht nicht mehr geschützt werden. Es kann also eigentlich jeder kommen und sie vandalisieren. Die Rechtsmittel dagegen sind sehr begrenzt".
Mein Kommentar: 
Der Satz "Als Chef meines Hauses habe ich die Aufgabe, meine Familie zu repräsentieren und Schaden von ihr abzuwenden" ist für mich vollkommen unverständlich. Welches Verständnis von Familie wird hier zugrunde gelegt ? Ein Chef repräsentiert eine Familie ? Wer gehört zur Familie, zu welchem Familienverband ? Wie verträgt sich dieses Verständnis mit der Gleichheit von Mann und Frau ? Wie kann ein Mitglied einer Familie die Repräsentanz übernehmen ? Für wen ? Welcher Schaden der Familie soll abgewendet werden ?
Der Satz verdient analysiert zu werden, um erkennen zu können, welche Denkweise dahinter steckt. 
2.
Frage: "In fast allen Familien gibt es schwarze Schafe. Würden Sie mir recht geben, wenn ich sage, in der Ihrigen war das Friedrich Christian Prinz zu Schaumburg-Lippe?
Ganz eindeutig! Der Mann war ein problematischer Fall. Es ist natürlich unvermeidbar, dass eine solche Gestalt auch auf das Image des Hauses ausstrahlt. Außerdem muss ich sagen, dass es auch andere Brüder meines Großvaters gegeben hat, die sich in einem gewissen Umfang auf die Nazis eingelassen haben. Auch meinem Großvater wurde dies nachgesagt, aber nach meinem besten Wissen trifft es auf ihn nicht in diesem Umfang zu".

Mein Kommentar: Die Herangehensweise an die Thematik der Verstrickungen mit dem Nationalsozialismus ist korrekt. Auch ich glaube, dass Friedrich Christian eine aktive Schlüsselfigur war. Seine Motivation sollte erforscht werden. Leider wird dies dadurch erschwert, dass ein Zugang zum Familienarchiv verwehrt wird. Aufarbeitung setzt Offenlegung voraus.

Wolrad war auch problematisch. 


aus der Beilage vom Hannoverschen Kurier vom 24.8.1933: 
Wenn unseres Führers Wille und Graf Wilhelm ́s Geist sich vereinen, wird das neue Deutschland eine höchst unerschütterliche Unterstützung gefunden haben.” 
Das Vorwort zum Artikel lautete:
“Denn ich sehe aus der Pflege des Volkstumes, das echt in der Landschaft wurzelt, die grössere Liebe zu unserem Führer und Volkskanzler Adolf Hitler und der Nation erwachsen. Unterschrift: Dr. Alfred Meyer.” 

Am 24 August 1933, Tag der Publikation dieser Hymne auf Hitler durch Wolrad  lebte noch Adolf Fürst zu Schaumburg-Lippe.

Wolrad war nach eigenem Verständnis einer mehr unter den Brüdern, dennoch versuchte er sich zu profilieren, warum ? Friedrich Christian, sein jüngster Bruder war seit dem 1. April 1933 Goebbels Adjutant, Friedrich Christian hatte am 10. Mai in Berlin die „Feuerrede“ zur  Bücherverbrennung gehalten.

Hatten Sie als junger Mensch Gelegenheit jenen Bruder Ihres Großvaters, Friedrich Christian, etwa zur Schoah zu befragen?
Er ist ja Anfang der achtziger Jahre gestorben, da war ich bereits ein denkender, auch politisch denkender Mensch. Ich habe mich hin und wieder mit ihm in schriftlicher Form auseinandergesetzt. Allerdings nicht über die Schoah, von der er angeblich glaubte, sein direkter Vorgesetzter Goebbels habe nichts davon gewusst, weil ein „guter Propagandaminister“ glauben müsse, was er sagt. Ich frage mich heute noch, ob er diese absurde Behauptung selbst für wahr gehalten hat. Er war in seinen Nachkriegsbüchern ein Apologet Hitlers, den er gut kannte und den er als vergeistigt und kultiviert darstellte. Es ist alles ziemlich abstoßend, vor allem, wenn er seinem Hang zur esoterischen Deutung nachgibt. Da grüßt ihn der tote „Führer“ zum Beispiel noch durch „überzufällige“ Zeichen aus dem Jenseits, nur weil beim Besuch des Obersalzbergs sein angebliches Lieblingslied im Radio läuft. Wirklich unerträglich, widerlich, frei von Hinterfragung, getränkt mit selbstgerechter, unkritischer Nibelungentreue. Wir hatten relativ wenig Kontakt und mein Vater, der ein streng konservativer christlicher Antifaschist gewesen ist und die Nazis wie die Pest hasste, war mit ihm heillos zerstritten. Er konnte ihn schlichtweg nicht ertragen".
Kommentar: Ich bin zwei Jahre älter als Alexander und habe Friedrich Christian persönlich erlebt, auch habe ich viele Briefe von ihm. Ich stimme weitgehend zu, er war realitätsfern und völlig verblendet. Bis in das weit fortgeschrittene Alter war er felsenfest von seinen Ideen überzeugt. Er war bis zum Schluss davon überzeugt Fürst zu Schaumburg-Lippe zu sein, weil er als minderjähriges Kind 1918 nicht abgedankt hatte und sein Bruder Adolf für ihn nicht hätte abdanken können. 

Hinter diesen Gedanken stecken nach meiner Meinung Komplexe die einen tiefliegenden Grund haben, den ich bereits mehrfach angesprochen habe. Friedrich Christian war nicht leiblicher Sohn von Georg. Er litt in der Familie unter einer fehlenden Anerkennung. Ausgleich suchte er ausserhalb der Familie. Er fand die Anerkennung in der Politik, bei den Nationalsozialisten. Einigen seiner Brüder zahlte er es heim. Er denunzierte Adolf und Heinrich. Nach dem Krieg suchte er wieder den Anschluss, aber weniger auf persönlicher, familiärer Ebene. Er suchte  Integration in einer seit langem nicht mehr existierenden monarchischen Struktur, in seinem Fall ein Familienersatz, so weit gehend, dass er die Rolle eines regierenden Fürsten beanspruchte. Die Suche nach dem Vater. 



Der Zwist mit dem Vater von Alexander hatte aber auch einen materiellen Hintergrund, es ging um erbrechtliche Ansprüche nach dem Testament von Georg und um Abfindungen, bis zum Schluss. 
"Ich sehe mich als Chef meines Hauses heute in der Pflicht, mit dieser historischen Verantwortung umzugehen, sie anzuerkennen und mich dementsprechend zu verhalten. Dies ist sicherlich einer der Gründe, weshalb ich für Israel tätig bin". 
Kommentar: Wenn dem so ist, so bitte ich öffentlich erneut um Öffnung des Familienarchivs. Geschieht dies nicht, dann muss ich davon ausgehen, dass dieser Satz leider eine hohle Floskel ist. 
Im Museo Lazaro Galdiano von Madrid
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